Freitag, 19. Juli 2013

Schwiegermütter


Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal hier im Blog etwas über den geplanten Grundriss des Hauses geschrieben habe. Genau wie beim Keller wollte ich eigentlich die Beschreibung der oberen Stockwerke unbedingt vor der Aufstellung fertig haben, doch wie man sieht wurde daraus nichts. Die nächste Idee, parallel zum Aufbau die jeweiligen gerade entstandenen Zimmer zu beschreiben, war auch schon kurz nach ihrer Entstehung zum Scheitern verurteilt. An den Abenden der Aufbauwochen gab es nun mal andere Verbindlichkeiten, die meist etwas mit Bier und nett gemeinten Pöbeleien zwischen Westerwäldern und Oberlausitzern an der Theke unserer Pension zu tun hatten.

Und so ließ sich die heutige Situation eben nicht vermeiden, das Haus steht nun schon seit drei Monaten, der Innenausbau ist bereits in der zweiten Halbzeit und noch immer habe ich kein einziges Wort über die geplanten Innenräume oberhalb des Kellers verloren. Wenn man bedenkt, wieviel Zeit und Energie ich noch in die Beschreibung des Wohnkellers gesteckt hatte, der darf jetzt ruhig enttäuscht sein. Ähnliches wird es beim Erd- und Dachgeschoss aber trotzdem nicht geben, denn zu meiner Verteidigung entstand die Kellerbeschreibung ja in einer Zeit der relativen Langeweile, damals herrschte ja noch die absolute Ruhe auf der Baustelle.

Dabei sollte die Beschreibung eines Erdgeschosses im Vergleich zum Wohnkeller doch um einiges einfacher sein. Die zu erwartenden Räume sind im Gegensatz zu einem Heimkino, einem Harley Parkplatz oder einem Pub nebst Fitnessclub ja so unendlich viel langweiliger. Hält man einen beliebigen Passanten auf der Straße an und bittet ihn, drei Räume zu nennen, die sich in einem normalen deutschen Erdgeschoß befinden (das machen wir doch alle, oder??), dann könnt ihr euch relativ sicher sein, daß sich alle drei Räume auch in unserem Grundriss finden werden. Von ganz wilden Ausnahmen bei extremen Hanglagen mal abgesehen haben doch immer alle Häuser im Erdgeschoß ein Wohn- und Esszimmer sowie eine Küche. Dazu kommt meist noch eine Diele, Flur, Windfang oder Korridor – oder wie auch immer man diesen Durchgangsraum nennen mag. Doch auch damit wird so eine Etage nicht wirklich aufregend. Und daß es noch irgendwie spannend werden könnte bei der Frage, ob eventuell irgendwelche Nebenräume hinzukommen, damit rechne ich bei unserem Haus auch nicht.


Aber fangen wir trotzdem mal an und stellen dann einfach hinterher fest, was dabei herausgekommen ist. Den Start bildet dieses Mal die Eingangstür, schließlich ist das ja hoffentlich die mit Abstand häufigste Art, wie sich in Zukunft Besucher Zugang zu unserem Haus verschaffen werden. Ganz so schlimm ist die Einbruchsquote in der Oberlausitz ja nun auch nicht. Doch bevor wir eintreten, sollten wir vielleicht erst einmal besprechen, wo sich diese Eingangstür eigentlich befindet und warum sie sich nur genau dort befinden durfte. Denn das Ganze war am Ende dann eben doch nicht so einfach, wie man es sich vielleicht vorstellen würde.


Hier noch einmal zur Erinnerung eines der Bilder aus der 3D Simulation, in welchem man sehr gut erkennt, daß sich unser Haus an einem Hang befindet und daß der Keller an der Straßenseite zu einem reichlichen Drittel aus der Erde guckt.  

  

Biegt man von der Straße ab und geht auf unser Haus zu, dann steht man kurz danach vor der südlichen Außenwand, aber eben immer noch vor dem Keller. Natürlich hätte man die Eingangstür dann auch genau an diese Stelle der Giebelseite planen können, nur wäre der Haupteingang dann eben eine Etage zu tief gewesen. Alleine die Idee, auf dem Weg zur Wohnung immer Treppen steigen zu müssen, war schon abstoßend genug, als daß wir diese Idee weiter verfolgt hätten. Daß es am Ende doch noch eine andere Eingangstür in diese Wand geschafft, hat mit einer fixen Idee zu tun, die schon im Beitrag „Meine Ecke“ beschrieben wurde. Nicht umsonst ist diese zweite Eingangstür breit genug geplant worden, daß ein Motorrad hindurch passt.  


Aber zurück zum Haupteingang. Wie die meisten hat auch unser Haus noch eine zweite Giebelseite, und hier befindet sich das Gelände immerhin schon mal auf Erdgeschoßhöhe. Und trotzdem ist auch diese Wand für einen Eingang unsinnig, wir wollen ja nicht andauernd durch die Hintertür ins Haus. Somit blieb uns nur, den Eingang an eine der beiden Traufseiten zu verlegen, wobei mir diese Idee sowieso von Anfang an viel besser gefiel. Ich hatte in dem Art 3 Musterhaus in Hartenfels ja schon gesehen, wieviel Platz ein Eingang nebst Korridor in der Mitte einer Giebelseite frisst. Man hat dann zwar einen imposanten Eingangsbereich, der sich am besten noch mittels Glasschiebetür in das Zentrum des Hauses öffnet, doch für eine ordentliche Küche rechts oder links davon war dann dort kaum noch Platz. In einem „Art 4“ oder „Art 5“ mag das funktionieren, aber ein „Art 3“ ist für diese Raumanordnung zu schmal, so finde ich jedenfalls.

Die Entscheidung für die Traufseite war somit getroffen, und die Frage ob rechts (Osten) oder links (Westen) gab es eigentlich auch nicht. Bei der schon angesprochenen Hanglage kam der Eingang nur im Osten in Frage, sonst hätten wir das Treppensteigen, welches wir mit der Vermeidung des Eingangs im Keller gerade noch verhindert hatten, mal eben auf eine Außentreppe verlagert. Mit vollen Einkaufsbeuteln und bei Schnee keine sehr attraktive Vorstellung.  

Interessanterweise löste die Idee des Eingangs im Osten eine wirklich ernstgemeinte Begeisterung für unseren Grundriss bei meiner Schwiegermutter aus. Aus Gründen die ich leider wieder vergessen habe, die aber irgendetwas mit meinem Geburtsdatum und mit Feng Shui zu tun haben, war der Osten wohl genau der beste Platz für den Eingang in unser Haus. Das war nun wirklich schön, hatte ich doch den Eingang genau da, wo er aus praktischen Gründen nur hinpasst und dabei auch gleich noch meine Schwiegermutter glücklich gemacht. Das geht normalerweise nicht so einfach. Doch damit gab sich meine Schwiegermutter noch lange nicht zufrieden. Es ist in mehr als zehn Jahren Ehe bisher eben noch nicht sehr häufig vorgekommen, daß sie sich mit mir über Feng Shui unterhalten konnte. An die Messingdrachen, Buddhas, Frösche mit Münzen im Maul und die überaus nervigen Windspiele hatte ich mich in den Jahren schon gewöhnt, doch jetzt ging es um die komplett neue Gestaltung eines Hauses. Ich hätte es wissen können, wir hatten mit diesem Thema ihr Lieblings-Interessengebiet betreten. Unzählige Bücher besitzt sie zu diesem Thema, sogar Kurse hat sie besucht. Wenn ich geahnt hätte, daß sie in ihrer Heimat Mexiko sogar schon des Öfteren zum Zwecke einer Feng Shui Beratung in wildfremde Häuser eingeladen wurde, ich hätte meine Begeisterung über die vortreffliche Wahl des Standortes der Eingangstür etwas reduziert. Doch nun war es zu spät, wir hatten keine Chance, die weitere Gestaltung des Grundrisses lag jetzt in ihrer Verantwortung.

Wobei, was heißt eigentlich wir? Im Haus bin ich ja eigentlich der einzige eher rational denkende Mensch, jemand der Feng Shui vor kurzem einfach in den Bereich des Aberglaubens verschoben hätte. Wie zu erwarten, warf sich meine Frau sofort auf die Seite der Mutter, und das macht sie sonst nur, wenn ich mich mit ihrer Mutter streite. Um die Harmonie im Haus, die vor dem Auftritt des Feng Shui eigentlich schon ganz OK war, noch irgendwie zu retten, musste ich mich wohl ein klein wenig auf die Lehren des Shui einlassen. Vielleicht läuft es ja gut und ich habe bei den anderen Weisheiten auch so viel Glück wie bei der Position der Haustür. Sie wird ja hoffentlich nicht gleich das ganze Haus auf den Kopf stellen, und daß es im Feng Shui Regeln gegen Motorräder im Haus gibt, damit rechnete ich auch nicht wirklich. Doch schon für die Eingangstür gab es gleich noch eine weitere Feng Shui Regel.


Eine Eingangstür darf sich nicht im mittleren Drittel einer Hausseite befinden


Nirgendwo, und das kann ich nach meiner intensiven Recherche (3 Minuten Googeln) behaupten, wird man diese Regel im Feng Shui finden. Und doch es war ein Gesetz, welches nun seinen Weg in den Grundriss des Erdgeschosses finden musste. War die Wahl der Himmelsrichtung für den Eingang ja eher zufällig Feng Shui konform, so bedeutete diese Regel wirklich eine echte Herausforderung. Und damit meine ich noch nicht einmal, daß sich die Länge des Hauses von etwas über 13 Metern gar nicht durch 3 teilen lässt. Das Problem war eher, daß eine Eingangstür im vorderen Drittel aufgrund der Hanglage eigentlich nicht zu realisieren ist, es sei denn wir planen doch wieder die „steilste Einfahrt der Welt“. Zusätzlich, soviel will ich hier schon mal verraten, würde eine Tür in diesem Drittel genau in unser Wohnzimmer führen, passend für viele Häuser in amerikanischen Sitcoms, aber nicht gerade das Layout, welches ich mir gewünscht hatte. Verschiebt man die Tür aber in das hintere Drittel, dann wäre in dieser Ecke des Hauses neben einem viel zu großen Flur ganz sicher kein weiteres Zimmer mehr möglich.  

Nüchtern betrachtet gehört die Tür leider in das mittlere Drittel, dort auch gerne an die rechte Seite. Doch Kompromisse erlaubt der Herr Shui da nicht. Legen wir die Tür einmal um, dann befindet sie sich zwar im hinteren Drittel, dort immerhin an der äußerst linken Kante, aber doch sofort wieder zu weit rechts. Das kann man leicht nachrechnen, ein Drittel von 13,05 Metern sind 4,34m – planen wir für die Tür mal einen guten Meter, dazu kommt ein Holzpfosten (16cm) und die am rechten Ende des Hauses befindliche Außenwand mit 28 cm Stärke. Somit würden für ein Zimmer in dieser Ecke nur etwas über 2,80 Meter Raumtiefe übrig bleiben. 

Das klingt nicht wirklich nach einem großen Zimmer, doch auch für eine Zimmermindestgröße scheint es keine Feng Shui Regeln zu geben. Mit Sicherheit sind sogar die Schlafkabinenhotels in Tokio von Feng Shui abgesegnet. Zum Glück kam mir aber eine rettende Idee. Wir hatten ja zum Glück den Balkonumlauf an der Südseite mitbestellt, und der gehört gestalterisch ja durchaus zum Haus. Also sollte man ihn auch in die Gesamtlänge des Hauses einbeziehen dürfen, was unser Haus mal eben einen guten Meter länger werden lässt. Immerhin um 40cm durfte die Tür somit nach links rutschen um noch gerade so im rechten Drittel zu bleiben. Im unteren Bild kann man selber sehen und entscheiden, ob das geklappt hat. Ich würde sagen, na ja, kann man gerade so gelten lassen.


Ein Kompromiss eben, doch weil ich ja ein praktisch denkender Mensch bin, konnte ich der neuen Türposition eben doch noch einen positiven Effekt abgewinnen. Denn dadurch befindet sich diese Tür jetzt wettergeschützt unter unserem Carport, nun müssen wir mit unseren Einkaufstüten nicht nur keine Treppen steigen, sondern werden bei Regen noch nicht einmal nass. Na wenn das nicht optimal geplant ist, was dann?


Die Himmelsrichtungen haben im Feng Shui eine Bedeutung 

Gehen wir aber nun endlich ins Haus und beschäftigen uns mit den Räumen, oder besser mit der jeweiligen Lage dieser Räume im Grundriss. Denn auch hier gibt es Feng Shui Regeln, die unter der Zuhilfenahme der Himmelsrichtungen bestimmte Ecken für bestimmte Zwecke vorschreiben wollen. Ich habe eine ganze Weile versucht, diese Regeln im Internet zu lesen und zu verstehen, hängengeblieben ist dabei nur die Geschichte mit den verschiedenen Elementen. Und weil wir eh gerade im Osten des Hauses stehen, fangen wir hier am besten auch gleich an. Der Osten steht nach Feng Shui für das Element Holz. Und davon ist alleine in einer Huf Haus Eingangstür eine ganze Menge. Ich habe es noch nicht nachgemessen, aber die Tür ist wirklich gut und gerne 20 Zentimeter dick. Beim Schließen fällt sie ins Schloss wie der Panzerschrank im Fort Knox.

Habe ich jetzt wirklich genug über die Eingangstür geschrieben? Hatte ich erwähnt, daß unsere Tür rubinrot wird? Ach das habt ihr schon auf dem Bild gesehen? Na dann lasst uns endlich reingehen und nach rechts gucken. Denn genau dort befindet sich jetzt der oben schon angesprochene Raum, genau der, der durch die trickreiche Verschiebung der Tür jetzt immerhin 3,30m lang (oder besser: kurz) geworden ist. Doch die Länge ist jetzt erstmal egal, wichtiger ist die Himmelsrichtung. Und damit die nächste Feng Shui Regel einfach besser passt, lege ich hiermit fest, daß sich dieser Raum im Norden des Hauses befindet.

Die Regel besagt nämlich, daß der Norden für das Element Wasser steht, und davon kriegt dieses Zimmer eine Menge. Es handelt sich hier ja schließlich um unser zukünftiges Gäste-WC, und für diese geplante Nutzung sind sogar die 3,30m Länge noch genug. Der Platz darin reichte sogar für eine Gäste-Dusche, wir planen also mit Gästen, die gerne so viele Tage bei uns bleiben wollen, daß eine Dusche anzuraten wäre. Und wer will schon seinen Gästen den beschwerlichen Aufstieg ins Dachgeschoß zu unserem Familienbad zumuten. Mit der Dusche ist dieser Raum zwar ganz schön voll geworden, aber jetzt gibt es darin so viele Quellen für Wasser, so daß die kleine Ungenauigkeit vielleicht gar nicht auffällt, daß genau genommen dieser Raum eher im Nordosten siedelt und somit eigentlich dem Element Erde zuzuordnen ist. Wir stellen sicherheitshalber einfach einen Blumentopf mit rein.  



Wobei, so ganz sicher bin ich mir nicht, ob das mit dem Blumentopf so eine gute Idee ist. Brauchten Pflanzen zum wachsen nicht so etwas wie Licht? Doch genau davon kriegen wir entgegen dem hoch gelobten lichtdurchfluteten Konzept der Huf Häuser in diesen Raum nicht wirklich viel. Es gibt im Gäste WC als Fenster leider nur ein kurzes Oberlichtband, und das befindet sich auch noch an der nicht gerade sonnenverwöhnten Nordwand. An der Westwand war aufgrund des Carports nicht einmal ein Oberlicht möglich und sogar das eigentlich erwartete und geplante Glaselement über der Tür zum Windfang stellte sich beim Einbau dann doch als lichtundurchlässiger Spiegel heraus.

Der Grund für diese spontane Ausstattungsänderung war, daß wir bei einer Glasscheibe freie Sicht auf ein Abwasserrohr bekommen hätten. Sie denken eben mit, die Damen und Herren Projektmanager bei Huf, allerdings ist es nun auch nicht so, daß sich unsere Gebäudetechnik verstecken müsste. Da wird wirklich nur feinste Ware verbaut, das haben mir erfahrene ehemalige Bauherren so bestätigt. Doch man soll sich auf einem WC ja auch nicht zum Lesen aufhalten, somit wird der geringe Lichteinfall hoffentlich zu verschmerzen sein. 

Und sogar noch einen weiteren Raum mit Wasser gibt es im Erdgeschoß, keine Überraschung hier: die Küche. Dieser Raum liegt an der gleichen Seite des Hauses, aber genau in der anderen Ecke und damit auch wieder nicht exakt im Norden, sondern im Nordwesten. Somit war das Wasser hier auch wieder umsonst. Ein Feng Shui Experte weiß, daß der Nordwesten dem Element Metall zuzuordnen ist, doch dieses Mal haben wir natürlich daran gedacht und vorsorglich einen Herd, eine Geschirrspülmaschine, einen Kühlschrank und diverse Töpfe und Besteck aus genau diesem Material bestellt. Was für ein Glück.  

Doch welcher Raum befindet sich denn nun im hohen Norden, dem Platz, der wirklich rein aus Wasser bestehen sollte? Tja, so leid es mir tut, im einzigen wirklich echten Nordzimmer findet man kein Wasser, sondern für einen großen Teil des Jahres nur meine Schwiegermutter. Also, daß es da kein Wasser gibt, tut mir leid, um das gleich mal klar zu stellen. Und dafür, wo im Haus man am besten seine Schwiegermutter unterbringt, gibt es auch keine Feng Shui Regel.


Wasser, Erde, Holz, Metall und Schwiegermütter, das sind zwar auch fünf interessante Elemente, doch nach Feng Shui fehlt eigentlich nur noch das Feuer. Ersetzen wir die Schwiegermutter mit dem Feuer und ignorieren dabei den auf der Hand liegenden Witz, daß einige die Schwiegermutter lieber in das Feuer setzen würden, dann muß man dieses Element im Süden suchen. Doch über diese Räume rede ich lieber erst beim nächsten Mal. Ich muss jetzt wirklich schnell weg und einen Strauß Blumen für die Schwiegermama besorgen. Den stelle ich dann in eine Vase mit ganz viel Wasser genau in den Norden ihres Zimmers.

Montag, 17. Juni 2013

Iron Butt

(dieser Beitrag wurde inspiriert vom Post "Vespa verfahren", zu finden im Hausbau Blog des Stahmer Hauses aus dem Schwarzwald)

Zu den härtesten Bikern der Welt zähle ich mit Sicherheit die Mitglieder der "Iron But Association". Diese in den USA gegründete Organisation hat inzwischen weltweit über 53.000 Mitglieder und sich ganz und gar dem Langstrecken-Motorradfahren verschrieben. Daß dabei auch die Sicherheit der Biker im Vordergrund stehen soll, mag etwas vorgeschoben wirken, denn schon das Einstiegslevel in diesen Club hat mit Sicherheit nicht mehr wirklich viel zu tun.

Als unterstes Einstiegslevel gilt der "Saddle Sore 1000" - um diesen zu erreichen, muß man innerhalb von 24 Stunden mindestens 1.000 Meilen auf dem Motorrad zurückgelegt haben. Das sind immerhin etwas über 1.600 Kilometer. Und hier gilt nicht etwa die reine Fahrzeit, sondern 24 Stunden nach dem Zeitpunkt des Starts fällt die Klappe. Die Regeln sind dann aber relativ einfach, man braucht nur einen Zeugen beim Start, auf der Strecke muß man Beweise sammeln, die irgendwie ein Datum und die Uhrzeit zeigen (Tankquittungen sind da ganz gut), dann noch einen Zeugen am Endpunkt der Tour. Und wenn sich dieser Endpunkt dann auch noch mindestens 1.000 Meilen vom Start entfernt befindet und noch keine 24 Stunden vergangen sind, dann kann das Ganze in die Post und ein paar Wochen später ist man im Club. Als besonderes Highlight kriegt man dann noch ein Zertifikat, einen Anstecker und eine Nummernschildunterlage mit dem Logo des Clubs.

Leider kann man auf der Webseite dieser toughen Biker nicht die genauen Abmaße dieser Unterlage herausbekommen, doch es ist unwahrscheinlich, daß die unförmigen deutschen Motorradnummerschilder da draufpassen. Auch wenn die ja inzwischen etwas kleiner ausfallen dürfen, den Größenvergleich mit den amerikanischen Schildern verliert die legale deutsche Variante aber immer noch. Hier zählt nunmal, je kleiner, desto besser. Deutsche Überführungskennzeichen gibt es immer noch nur in der alten großdeutschen Variante, die es in der Fläche wahrscheinlich schon mit einem Schneeschieber aufnehmen können.


Doch was mache ich mir eigentlich Sorgen, ich habe diese Nummerschildunterlage ja eh nicht. Ich bin zwar gerne möglichst weite Strecken auf dem Motorrad unterwegs, aber bisher hat es noch nie für 1.000 Meilen an einem Tag gereicht. Wenn man dann noch auf einer Insel wie Großbritannien wohnt, muß man diese 1.000 Meilen ja auch erstmal finden. Denn sogar wenn man die zwei am weitest entfernten Punkte dieser Insel verbindet (Land's End in Cornwall und John O'Groats in Schottland), kommen nur 836 Meilen dabei heraus.



Diesen Ehrgeiz hätte ich dann aber schon bei dieser Sache, wenn schon ein Eisen Arsch - dann werden diese 1.609 Kilometer auch wirklich stur in eine Richtung gefahren. Denn nur auf diese Weise kann man sich die ganze Zettelwirtschaft mit den Beweis-Tankquittungen von irgendwelchen Zwischen- oder Eckpunkten, wie bei einer Rund- oder Hin- und Zurückreise notwendig, ganz einfach sparen. Indem man den Start- und den Endpunkt einfach 1.000 Meilen auseinander legt, macht man es den Juroren der IBA in den USA viel leichter. Dann reicht zur Berechnung der Entfernung einfach nur Google (von denen auch das obige Bild stammt), und die in nicht-amerikanischer Geographie eventuell etwas schwächelnden IBA Biker brauchen dann nicht erst lange nach irgendwelchen ominösen Autobahnraststellen suchen.

Somit stellen wir also fest, mit diesem Anspruch kann man auf der britischen Hauptinsel kein Eisen-Arsch werden. Wie sieht es aber aus, wenn man die Insel verläßt? Denn genau das habe ich Mitte Mai mit meinem kleinen Mopped gemacht. Als letztes Möbelstück unseres Haushaltes (nennen wir es ruhig mal so, denn die meiste Zeit wird die Maschine ja wirklich nur zum Staubwischen benutzt) - sollte 2,5 Monate nach dem Hauptumzug nun endlich auch das Motorrad in die neue Heimat gebracht werden. Über elf Wochen war das gute Stück in der Garage einer Kollegin untergestellt, elf Wochen in denen ich nicht mit dem Poliertuch meinen Routinegang in die eigene Garage machen konnte, um den eigentlich schon längst perfekt glänzenden Rückspiegel nochmal richtig abzurubbeln. Es wurde Zeit für die längste Motorradtagesreise des Jahres, Zeit für meinen Iron Butt.

Die Zeichen dafür standen gut. Der Schnee war schon seit einiger Zeit getaut und auch das berüchtigte Streusalz (Gift für Chrom) war durch die ersten heftigen Frühlingsregenfälle schon von den Straßen gespült. Dazu kam eine im Monat Mai geplante dreitägige Dienstreise nach England, die sich auch noch direkt an ein Wochenende anschloß. Sogar das Wetter spielte mit, denn bei einer 85%igen Wahrscheinlichkeit auf Regen lagen meine Chancen auf eine trockene Fahrt immerhin im zweistelligen Bereich. Und falls es doch regnen sollte, dann könnte ich endlich meine neue Regenkombi ausprobieren, die der alten so täuschend ähnlich ist, damit meine Frau die ungeplante Neuanschaffung nicht unbedingt gleich bemerkt. Sogar ein Taxi zum Flughafen nach Prag hatte ich organisiert, denn es wäre schon sehr peinlich gewesen, wenn ich mit dem Motorrad nach langer Fahrt endlich zu Hause ankomme und dann feststellen muss, daß sich mein Auto 140 Kilometer entfernt in einem Parkhaus befindet.

Normalerweise stellt sich beim Planen eines Roadtrips von der Insel immer nur die Frage: "Tunnel oder Fähre" - diesmal kam noch die Frage hinzu, wie die IBA eigentlich die 33 Meilen unter oder über dem Kanal rechnet, die man sich zwar in eine gewisse Richtung bewegt, ganz genau genommen, aber ja doch nicht auf dem Sattel eines Zweirades sitzt. Obwohl recht ausführlich, so findet sich dazu in den IBA Regeln kein Wort, diese Regeln hatten wohl eher größere Kontinente im Kopf. Um sicher zu gehen, sollte man diese Meilen wohl lieber hinten dranhängen. Und die erste Frage stellte sich für mich ja eigentlich auch nicht, bei einer solchen Tour kommt es nunmal auf die Zeit an, und hier schlägt der Tunnel die Fähre um Längen, so dachte ich zumindest.

Der Eingang des Tunnels befand sich zirka 2 Stunden von meinem Hotel entfernt, der früheste Zug, den ich mir zutrauen würde zu erreichen, sollte 5:46 Uhr den Bahnhof in Folkstone verlassen. Es würde also eine kurze Nacht werden. Mit der geplanten Startzeit von 3 Uhr morgens hatte ich dann gleich zwei Probleme. Erstens hat um die Uhrzeit keine Tankstelle in der Nähe des Hotels auf. Und zweitens machte mir die nette Dame vom Empfang auch wenig Hoffnung, daß ich zu dieser Zeit aus dem Hotel auschecken könnte. Somit wurde das letzte Tanken und auch der Check-out auf den Vorabend verlegt, beides wären eigentlich gute Beweisdokumente für die Startzeit gewesen. Nun gut, dann lief meine Zeit eben schon ab 10 Uhr abends. Damit hatte ich mit Sicherheit den wohl ungewöhnlichsten Start, den ein Saddle-Sore 1.000 Adventure nur haben kann, ich ging nämlich erstmal schlafen.

Wenige Stunden später war ich trotz der wenigen Stunden Schlaf hellwach, es ging endlich los. Die ersten zwei Stunden verliefen in totaler Dunkelheit ohne besondere Vorkommnisse. Ich bin sogar etwas früher vom Hotel weggekommen und statt der geplanten 2 Stunden brauchte ich nur 90 Minuten. Es war erst kurz nach 4 Uhr, als ich erwartungsfroh meine Pin-Nummer in den Check-In Automaten einhämmerte. Normalerweise bucht dieser Automat, so Platz vorhanden, immer den nächsten verfügbaren Zug, ich war mir also sicher, daß ich den bereits herausgefahrenen Vorsprung auch auf das Festland retten kann. Zu meinem Ärger mußte ich aber leider feststellen, daß der 5:46 Uhr Zug wohl der erste Zug des Tages sein sollte. Somit ging meine Iron Butt Reise recht ungewöhnlich weiter. Wieviele der Iron Butt Aspiranten machen auch denn auch eine fast 90 minütige Pause nach noch nicht einmal zwei Stunden Fahrt? Die Fähren fahren übrigens rund um die Uhr, vielleicht hatte der Tunnel dieses Mal also doch keinen Zeitvorteil.


Der weitere Verlauf der Strecke ist eigentlich schnell beschrieben. Wer es ausführlicher mag, dem sei mein Beitrag über die europäischen Autobahnen vom August letzten Jahres empfohlen. Denn genau diese Autobahnen nahm ich wieder einmal unter die Räder, auch wenn es diesmal nur zwei waren. Die Fahrt an sich war recht langweilig, in Ermangelung meines i-Pods musste ich mir sogar selber meine musikalische Untermalung singen. Pausen gab es nur, wenn der Pegel des Tanks es verlangte, das war also alle 2,5 Stunden der Fall. So ein V2 schlürft schon was weg, da reichen 19 Liter eben nicht länger. 

Noch dazu sorgte nicht einmal ein ordentlicher Regen für Abwechslung, ich bin wirklich trocken geblieben.  Bis auf nebliges und nasskaltes Wetter in der Gegend um Dortmund war eigentlich auf der gesamten Strecke gutes Motorradwetter. Mit dem Überschreiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze riß dann sogar noch der Himmel auf - genauso wie im schönsten deutschen Popsong der letzten Jahre beschrieben, gesungen von einer Band aus der Oberlausitz (Das habt ihr nicht gewusst, oder?) 

Die letzten 400 Kilometer wurde es dann sogar richtig warm unter meiner Regenkombi, leider passte die nicht mehr in meine Satteltaschen, denn darin steckte ja schon der ganze Krempel von meiner vorhergehenden Dienstreise. Ob es einem Laptop eigentlich etwas ausmacht, vierzehn Stunden von den Vibrationen des dicken Harley Motors durchgeschüttelt zu werden? Nun, wir werden es bald wissen, denn wenn die Fahrt so weitergeht, dann könnte ich schon in nur etwas mehr als 3 Stunden am Ziel sein. So in Gedanken versunken (beim Motorradfahren verfalle ich öfter in Tagträume) - erreichte ich den ersten Stau des Tages. Ein LKW Unfall in einem Tunnel, alles stand und es sah auch nicht danach aus, daß es bald weitergeht.

Wäre diese Situation in England oder in Frankreich eingetreten, keine Sekunde hätte ich gezögert und ich wäre durch den Stau hindurch nach vorne gefahren. Wozu sitzt man schliesslich auf einem Motorrad? In England wird dieser Prozess "Filtering" genannt, ich stelle mir dabei immer ein Motorrad als das Wasser vor, welches sich langsam durch den gemahlenen Kaffee schlängelt - es geht zwar langsam, aber es geht voran. Und in Frankreich gibt es sogar eine ganze Branche, die von der schlankeren Silhouette eines Motorrades lebt, ich rede von den Moto-Taxis in Paris. 

Wer noch nie auf so einem Teil gefahren ist, das ist eine Erfahrung, die man durchaus mal machen sollte. Der Koffer wird hinten auf die Honda Goldwing geschnallt, man bekommt einen Leihhelm nebst Ein-Weg Stoffbadekappe und eine warme Decke, und schon geht es rasant mitten durch den größten Parkplatz der Stadt, denn nur so kann man die Peripherique zur Rush-Hour bezeichnen. Auf diese Weise habe ich schon einige Male ein Flugzeug gerade noch erreicht, welchem ich von einem normalen Taxi wohl beim Start hätte zusehen können. Solange man immer schön darauf achtet, die Knie an den Fahrer zu pressen, kann ja auch fast nichts passieren. Die Knie befinden sich leider genau in der Höhe der Außenspiegel der parkenden (wartenden) Autos, hört sich schmerzhaft an und ist es sicher auch.

Wie ist nun aber die rechtliche Lage in Deutschland, darf man oder darf man nicht? Angefeuert von den wartenden Autofahrern habe ich mich dann doch aufgemacht und langsam durch den Stau geschlängelt. Es gab zu dem Moment bereits zuviele Tauschangebote von Autobesitzern, die bei der Perspektive einer freien Fahrt gerne auf ihr heißes Blechdach verzichten wollten. Meine Abfahrt führte sogar zu einer kleinen Beziehungskrise eines jungen Pärchens, das Mädchen wäre wirklich gerne bei mir hinten draufgesprungen und hätte den Freund in der Hitze der Autobahn schmoren lassen. Zum Glück für die Beiden hatte ich keinen zweiten Helm mit. Wie auch immer, der Stau löste sich dann doch recht schnell auf, und ich kam heil und trocken um 20 Uhr an meinem Ziel an.

Einen Iron Butt habe ich mir damit aber doch nicht verdient, denn auch mit den 30 Meilen vom Kanal lag die Gesamtstrecke nur bei etwas über 800 Meilen. Daß das mit dem Eisen-Arsch nichts wird, wußte ich natürlich vorher, aber ich wollte wenigstens die Spannung aufrecht halten, damit der werte Leser auch wirklich bis zum Ende liest. Das Motorrad wurde gleich am nächsten Morgen in die nächste Garage zwecks Lagerung überführt, dort wartet es jetzt darauf, irgendwann einmal ein echtes deutsches Nummernschild zu kriegen.

Wer also diesen Beitrag, totzdem er eigentlich nichts mit dem Huf Haus zu tun hatte, wirklich bis zum Ende gelesen hat, mit dem möchte ich auch noch diese Nachricht teilen. Nur wenige Wochen später sah es in der Straße, in der jetzt mein Motorrad parkt, in der aber auch alle unsere Möbel in einer Scheune auf den Einzug in das neue Haus warten, so ähnlich aus, wie auf dem Foto unten:


Es hat nur einen einzigen Regenguß von 30 Minuten Dauer gebraucht - und die Straßen wurden zu Flüssen. 
Die Scheune mit unseren Möbeln stand in so einem Fluß und somit einen halben Meter im Wasser, wir werden wohl erst beim Einzug im August sehen, welche Möbel wir wirklich noch ins Haus stellen können. Wasser im Keller, hieß mein Beitrag von der letzten Woche. Wenn auch nicht der Keller, aber daß am gleichen Tag dann wirklich unsere Scheune voll Wasser läuft, ist schon ein recht grober Gag vom lieben Petrus. Selten so gelacht.