Dienstag, 11. Dezember 2012

Loecher

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man schon im Alter von 18 Jahren fast 50% seines Lebens gelebt hat. Der Grund dafuer liegt darin, dass man sich im Rueckblick nicht an irgendwelche Lebensjahre erinnern wird, sondern an bestimmte Ereignisse und Erlebnisse. Allerdings ist das Leben voller Wiederholungen. Nach dem ersten Kuss kommt fuer die meisten irgendwann einmal der zweite. Und auch die meisten anderen besonderen Begebenheiten wird es im Leben wohl noch ein zweites Mal geben. Im Gedaechtnis bleiben wird aber eben doch nur das beruehmte erste Mal.

Die Theorie besagt jetzt, dass nach dem 18ten Geburtstag diese sogenannten ersten Male schon zur Haelfte verbraucht sind. Man wird sich also an die Jahre vor diesem Geburtstag so erinnern, als ob diese mindestens dreimal so lang waren, wie die Jahre danach. Und das soll einzig und allein daran liegen, weil es immer seltener wird, dass man nach dem 18ten etwas zum ersten Mal erlebt. Die spaeteren Jahre fliegen somit vergleichsweise ereignislos an einem vorbei und irgendwann wird man sagen: Was? Schon vierzig?

Zum Glueck kann man das aber leicht verhindern. Man muss einfach nur jedes Jahr etwas zum ersten Mal machen. Die Hoffnung ist nun, dass dieses "Erste Mal Erlebnis" dann genuegend Spuren im Gedaechtnis hinterlaesst, die dieses Jahr nicht auch noch in den Sog der Vergessenheit ziehen. Das ist doch mal ein Lebensziel, mit dem ich mich sehr anfreunden kann. Bestimmt wird man sich irgendwannn nicht mehr an das genaue Jahr erinnern, in dem dieses Erlebnis stattgefunden hat. Aber das Leben wird ereignisreicher und dadurch vielleicht auch als laenger in Erinnerung bleiben. Und das ist doch schon mal was.

Das Jahr ist nun bald rum, Zeit fuer einen Rueckblick also. Dieses Jahr sollte eigentlich keine Probleme haben, in unserer Erinnerung zu bleiben. Diese ganze Aufregung rund ums Haus, die meisten Erlebnisse, die wir in dem Zusammenhang hatten, waren Premieren fuer uns. Allerdings wird das Haus ja erst im neuen Jahr gebaut. Und will ich mich wirklich an 2012 erinnern, weil wir in diesem Jahr ein Haus geplant haben und am Ende so viele Sorgen mit der Finanzierung hatten? Eher nicht. Wenn irgendwie moeglich, dann verschieben wir die zukuenftige Erinnerung an das Haus lieber nach 2013, das neue Jahr hat noch alle Chancen, daraus eine rundum schoene Erinnerung zu machen. Wie sieht es aber im Leben neben dem Hausbau aus? Gab es da auch etwas in 2012, woran sich eine Erinnerung lohnt?

Erinnern werde ich mich mit Sicherheit an ein sehr gelungenes Geburtstagsgeschenk. Von meiner Schwester nebst Freund gab es endlich den lange ersehnten Gutschein fuer eine anstaendige Tour mit einem Quad. Denn schon einmal in Schottland waren wir kurz davor, so eine Runde zu buchen. Die Idee wurde dann aber im Einverstaendnis begraben und auf einen unbestimmten Zeitpunkt in die Zukunft verschoben. Ich meine auch wirklich: "im Ein-Verstaendnis" - denn genau Eine hatte diese Entscheidung auch verstanden. Bei allen anderen gab es Gergrummel.

Aber dieses Mal war das ja ein Geschenk, und das darf man nicht so einfach ausschlagen. Die Destination fuer die Quad Runde war zwar nicht Schottland, dafuer war dieses Mal das Wetter viel besser. Schottland im Regen hat zwar auch seine Reize, ob man nach 4 Stunden permanenter Naesse und Matsch von unten und oben dann immer noch auf die Mystik der einzigartigen Landschaft achten wird, sei einmal dahingestellt. Und wo fand sie nun statt, meine erste Quad Tour? Getreu dem Motto dieses Blogs, natuerlich in der Oberlausitz. Allerdings dieses Mal im noerdlichsten Zipfel dieser Gegend.

Bisher hatte ich diesen Teil des Landes insbesondere im Vergleich mit dem Zittauer Gebirge als nicht  aussergewoehnlich touristisch in Erinnerung. Alles noerdlich der Achse Loebau, Bautzen und Zittau wuerde ich eher als eine topfebene, sandig staubige Mondlandschaft beschreiben. Die einzigen nennenswerten Erhebungen dort sind Hochspannungsmasten und Braunkohlekraftwerke. Und der Rest ist Wald. Es gab in der Vergangenheit nur wenige Gruende fuer unsere Familie, in diese Gegend zu fahren, der wohl wichtigste ist wohl die Nutzung als Transitstrecke zum Spreewald.

Nicht wirklich die besten Voraussetzungen also fuer ein unvergessliches Quad-Erlebnis. So aufregend die erste Quadfahrt ja auch sein mag, nach maximal einer Stunde sandiger Waldwege wuerde wohl auch hier der Reiz des Neuen verfliegen. Zum Glueck hatte die geplante Tour dafuer aber die passende Antwort parat. Denn es gibt hier etwas, womit es eine Quad Tour in der Lausitz sogar mit dem Spassfaktor von Schottland aufnehmen kann. Es gibt hier noch richtig aktiven Braunkohletagebau - und die Quad Tour ging da mitten durch. So ein Tagebau, das ist mal nen richtiges Loch. Was ist da schon im Vergleich das Loch Ness?

Braunkohletagebau Nochten
Denn wo in der Welt kann man den Einfluss des Menschen auf die Oberflaechengestaltung der Erde noch eindrucksvoller praesentiert bekommen als hier? Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde hier ein halbes Bundesland komplett umgegraben. Und das alles, um die Kohle anschliessend zu verbrennen und ueber den Umweg Dampf in Strom umzuwandeln. Ein ganz schoener Aufwand, der hier betrieben wurde und und immer noch wird.

Nun sind ja hoffentlich die Zeiten, in denen fuer die Kohle ganze Ortschaften dem Bagger zum Opfer fielen, vorbei. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Geisterstadt in Olbersdorf in der Naehe von Zittau. Die Bewohner eines Teils dieser Gemeinde waren da schon komplett umgesiedelt, in wenigen Wochen oder Monaten waere dieser Ortsteil von der Karte verschwunden. Um das Ganze zu stoppen, brauchte es eine komplette politische Wende. Fuer ein paar Jahre war es eine tolle Mutprobe, nachts durch den menschenleeren Ort zu laufen. Die Haeuser sahen ja schon nach recht kurzer Zeit ziemlich unbewohnbar aus. Die perfekte Kulisse fuer einen Horrorfilm.

Inzwischen gibt es den Tagebau Olbersdorf nicht mehr. Aus dem Loch ist laengst ein beliebter See geworden. Das gleiche gilt fuer die meisten der Tagebaue in dieser Gegend. Im Norden der Lausitz entsteht derzeit eine Seenlandschaft, die es mit der Mecklenburger Seenplatte aufnehmen wird. Sedlitzer, Partwitzer, Baerwalder, Berzdorfer See. Jeder dieser Seen ist kuenstlich und alle sind in weniger als einer Stunde von unserem zukuenftigen Wohnort erreichbar. Das viertgroesste Seengebiet Deutschlands befindet sich somit fast unmittelbar vor der Haustuer. Dazu Berge in der direkten Nachbarschaft mit schneesicheren Skihaengen. Man kann mit seinem zukuenftigen Wohnort auch mehr Pech haben.

Olbersdorfer See
Die Tagebaue verschwinden und werden zu Seen. Es wird also in der Zukunft weniger Loecher in der Oberlausitz geben. Eine sehr begruessenswerte Entwicklung, ein See laesst sich touristisch ja wirklich viel leichter verwerten, ist schoener anzuschauen und macht einfach mehr Spass als so ein Loch. Nicht viele werden ein Loch wirklich aufregend oder sogar interessant finden und dafuer sogar eine weite Anreise auf sich nehmen. Es gibt eigentlich nur eine ganz besondere Gruppe Menschen, die dem nicht zustimmen werden. Und das ist die Gruppe der Bauherren.

So ein Loch in der Erde bedeutet fuer diese Gruppe die Welt. Mit einem Loch faengt fast jeder Hausbau an. Wird erst einmal Erde bewegt, dann gilt die Baustelle offiziell als eroeffnet. Ab jetzt ist die Planungsphase endgueltig vorbei, ab jetzt ist man ein echter Bauherr. Mit allem drum und dran, inklusive nagelneuen Gummistiefeln. Und wir gehoeren nun auch dazu. Hatte ich ja oben noch behauptet, dass es wieder weniger Loecher in der Oberlausitz werden, so haben wir in den letzten Wochen ein ganz klein wenig gegen den Trend gearbeitet. Denn fuer eines der neuesten Loecher im Land sind diesmal wir verantwortlich.

Ich hatte ja bereits im frueheren Beitrag "Investitionsruinen" berichtet, dass die Erdarbeiten begonnen haben. Um uns diese aber angucken zu koennen, waren wir aber bisher entweder auf die Fotos von unserem Bauleiter oder sogar auf das unscharfe Bild einer Webcam angewiesen. Das aenderte sich erst Ende November, als wir uns mal wieder auf den Weg in die alte und neue Heimat machen durften. Und dort konnten wir es endlich sehen. Unser Loch. Und das ist ab jetzt auch sicher, unser Leben wird Spuren in der Erde hinterlassen.

Und so sieht es aus, unsere Baugrube. Der Bodengutachter hat nicht uebertrieben, als er unser Grundstueck in eine mittlere Hanglage eingestuft hat. Vorne links wurde fast keine Erde entfernt und hinten rechts ging es ueber drei Meter in den Boden. Im Bild zu sehen sind auch ein paar Holzleisten, die im Schotter stecken. Das wird dann wohl mal der Erker werden. Oder in diesem Fall mein zukuenftiges Homeoffice, es handelt sich ja hier erstmal nur um den Keller. 

Unser Loch - Wobei ein echtes Loch ist es ja nicht, weil ja vorne offen
Laut Hoehenlageplan faellt unser Grundstueck Richtung Westen und Sueden ab, somit muesste das Loch dann an der nordoestlichen Ecke am tiefsten werden. Hier wird jetzt die Groesse der Aufgabe, vor der unser Tiefbauer stand, erst richtig sichtbar. Das letzte Mal, als ich so eine felsige Wand gesehen habe, stand ich am Strand vor der Steilkueste im Norden von Cornwall. Denn auch hier hatte unser Bodengutachter wieder recht. Ab 2 Metern Tiefe ist hier mit Felsen zu rechnen, zuviel fuer den Bagger, der Presshammer durfte ran. Fragt sich nun der aengstliche Bauherr, ob das im Tiefbau Angebot schon einkalkuliert war. Noch kennen wir die Schlussrechnung ja nicht, einen fuenfstelligen Abschlag durften wir aber schon ueberweisen. Immerhin ist so ein Fels schoen tragfaehig. Wir sollten also nicht unbedingt damit rechnen muessen, dass unser Haus mal versinken wird und erreichen diesen Zustand ohne nennenswertem Schotterunterbau.

Die Steilkueste von Waltersdorf

Aus anderen Blickrichtungen ist unser Bauvorhaben relativ unspektakulaer,. Denkt man sich mal diese Erdhaufen weg, dann ist unsere Bautaetigkeit bisher noch kein Grund, auf Panoramafotos vom am Grundstueck verlaufenden Wanderweg zu verzichten.

Blick von Nordost. Irgendwo hinter der Erde ist ein tiefes Loch. Die Absperrung macht also wirklich Sinn.
Diese Bilder habe ich einen Tag nach unserer Ankunft gemacht. Noch ist hier nur das Ergebnis der Arbeit des Tiefbauers zu sehen. Das hat sich aber in den nachfolgenden Tagen grundlegend geaendert. Wie man auf dem Bild erkennen kann, die Firma Huf war schon vor Ort, normalerweise deutlich zu erkennen am Firmenlogo auf dem gruenen VW Transporter. Leider wollte der VW die weite Strecke nach Sachsen nicht auf sich nehmen und gab schon nach wenigen Kilometern den Geist auf. Nichts geht ueber einen gelungenen Start in ein Bauvorhaben.

Ueber den weiteren Baufortschritt berichte ich dann in einem spaetern Beitrag. Zum Abschluss moechte ich aber noch ein Bild einfuegen, welches unsere kleine Baugrube etwas in Relation zu wirklichen Loechern setzt. Nicht dass ich wirklich geglaubt haette, dass unser kuenstliches Loch der derzeit groesste oder tiefste Eingriff in die Natur der Oberlausitz ist, so vermessen bin ich nun auch nicht. Im Vergleich zum voll in Betrieb befindlichen Tagebau auf der polnischen Seite Zittaus ist unser Bauvorhaben fast so bedeutend, als haetten wir mit einer Stecknadel in die Wiese gestochen. Dieses Loch ist in einer anderen Liga, schoen zu sehen mit dem Link hier. Laut Wikipedia ist das Tagebaugebiet derzeit 45qkm gross, das entspricht fast der Flaeche des Starnberger Sees.

Einen so grossen See wird es aber dann doch so schnell nicht in der Oberlausitz geben. Es ist ja heute noch gar kein Ende des Kohleabbaus in Sicht. Und wie lange es wohl dauern wuerde, bis sich diese Grube mit Wasser fuellen laesst, ist auch noch offen. Der viel kleinere Berzdorfer See brauchte bis jetzt schon fast 10 Jahre und ist wohl immer noch nicht ganz fertig. Meine Baugrube haette sich bei 10 Kubikmetern pro Sekunde in wenigen Sekunden fuellen lassen. Was fuer ein kleines aber doch so bedeutendes Loch.

Noch ein Loch in der Naehe - dagegen sieht der Olbersdorfer See richtig mickrig aus




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